Ausbruch aus dem Hamsterrad

Lisa mit Sohn Levin. Bei der Wohnungssuche waren auf einmal ganz andere Kriterien wichtig als früher. Foto: Hannes Vollmuth

Lisa mit Sohn Levin. Bei der Wohnungssuche waren auf einmal ganz andere Kriterien wichtig als früher. Foto: Hannes Vollmuth

Für Lisa (26) ging ein Traum in Erfüllung, als sie sich erfolgreich durch das Auswahlverfahren der Deutschen Journalistenschule gekämpft hat. Dann wurde sie ungeplant schwanger.

Beruf: Journalistenschülerin

Mutter von: Levin, geboren am 2.9.2013

Geplant: nein

Wovor hattest du am meisten Angst? Als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, war das schon erstmal ein kleiner Schock. Wir hatten schon über Kinder gesprochen und wollten auf jeden Fall welche haben – aber jetzt sofort? Erst noch fertig studieren, dann ein toller Job, dann mindestens ein Jahr arbeiten und DANN hat man doch sicher Zeit für die Familienplanung. Genauso wie wohl die meisten gut ausgebildeten jungen Frauen hatte ich dieses Schema im Kopf. Dabei ist es viel spannender, wenn man miterleben darf, was passiert, wenn man aus diesem Hamsterrad ausbricht. Letzte Woche war ich mit Levin das erste Mal in der Uni zum Sprachkurs. Als ich die Dozentin fragte, ob ich mein Baby mitbringen könne, gab sie mir sofort ihre Handynummer; falls ich Hilfe brauchen sollte, mit dem Kinderwagen die paar Stufen zum Seminarraum hoch zu kommen. Nach dem Kurs schenkte sie mir eine Tasche voller Babykleidung, die ihren Söhnen nicht mehr passt. Solche Hilfsbereitschaft ist immer wieder überwältigend. Angst in beruflicher Hinsicht hatte ich am Anfang trotzdem – in erster Linie um meinen Studienplatz an der Deutschen Journalistenschule.

"Es ist viel spannender zu erleben, was passiert, wenn man aus dem Hamsterrad ausbricht", sagt Lisa heute. Foto: Hannes Vollmuth

„Es ist viel spannender zu erleben, was passiert, wenn man aus dem Hamsterrad ausbricht“, sagt Lisa heute. Foto: Hannes Vollmuth

Was war die größte Veränderung in deinem Leben, die das Kind bewirkt hat? „Du bist nicht mehr nur für dich alleine verantwortlich“: Diesen Satz hörte ich von Müttern tausendmal, bevor ich selbst eine wurde und verstehen lerne, was er eigentlich bedeutet: Mit vier Stunden Schlaf auskommen, damit das Baby keinen Hunger leidet. Essen, wenn das Baby schläft – und zwar schnell und meistens alleine. Ausgehen? Das muss geplant werden: Milch abpumpen! Dann kann mein Freund mit Levin zuhause bleiben und ich raus, immer mit dem Handy in Sichtweite. Das ist schon ein Kontrast zu meinem Leben als Nicht-Mutter. Da war jeder Tag perfekt organisiert: Recherchieren, Artikel schreiben, eine Stunde Mittagspause, schnell weiter, To-Do-Listen abhaken. Die schreibe ich mir immer noch. Aber ich genieße es, Dinge zu tun, die ich vorher nicht geplant und durchdacht habe. Zum Beispiel eine brabbelnde Unterhaltung, mittags um drei auf der Krabbeldecke. Die entschädigt dafür, dass es mit dem Abhaken jetzt ein wenig länger dauert.

Was hast du durch dein Baby gelernt? Mir ist bewusst geworden, wie sehr man den ganzen Tag mit sich selbst beschäftigt ist. Müsli oder Toast zum Frühstück, ziehe ich heute die roten oder die schwarzen Stiefel an, hab‘ ich meinen Zahnarzttermin schon verlegt? Viele Dinge, über die man sich Gedanken macht, fallen mit Baby einfach weg – man wird gelassener. Wenn Levin schläft und ich mich abends zwei Stunden mit meiner besten Freundin treffen kann, ist es mir egal, ob ich Mascara trage, die roten oder die schwarzen Stiefel. Wieder so ein Spruch, aber er stimmt: Man schätzt, was wirklich zählt.

Welchen Tipp hast du für junge Frauen, die überlegen, ob und wann sie ein Kind bekommen sollen? Ich finde es schade, dass man jungen Frauen heutzutage Mut zusprechen muss, wenn es ums Kinderkriegen geht. Mir ging es ja genauso. In den Köpfen vieler Frauen in meinem Alter sind Klischees verankert: Wenn ich jetzt schwanger werde, ist die Karriere verhunzt, wer stellt mich schon an mit einem kleinen Kind, werde ich jemals eigene Ziele erreichen können? Was ich derzeit erfahre, ist aber genau das Gegenteil. Die Leute zeigen Respekt und kommen mir entgegen. Jungen Müttern rate ich zwei Dinge. Erstens: Wenn jemand Hilfe anbietet, nicht zögern – ja sagen! Und: Redet mit anderen frischgebackenen Müttern! Es gibt keine Frage im Kopf einer Mama, die sich nicht eine andere auch schon gestellt hat. Das Alter ist da vollkommen egal. Ein Kind zu bekommen, lohnt sich mit 25 genauso wie mit 38 – es gibt kein besser oder schlechter. Die Erfahrung, bedingungslos zu lieben, würde ich so lange aber nicht mehr missen wollen.

Stolzer Vater: Jakub und Lisa führten eine Fernbeziehung bevor sie als Eltern eine gemeinsame Wohnung in München suchten. Foto: Hannes Vollmuth

Stolzer Vater: Jakub und Lisa führten eine Fernbeziehung, bevor sie als Eltern eine gemeinsame Wohnung in München suchten. Foto: Hannes Vollmuth

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ein Kommentar

  1. […] Aufnahmeprüfung mit allen Schikanen hinter mir hatte. Dazu habe ich Sonja von mitoderohne mal ein Interview gegeben. Die Themen, die mich mit Kind in dieser Situation beschäftigt haben, hatten garnicht mehr […]

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